„Ich will die Jungs Blut weinen sehen!“

Es ist an der Zeit, mich zu outen. Ich bin Fussball-Fan. Ich weiß nicht, wann ich es geworden bin, ich weiß nicht, woher das kommt, diese Faszination dafür, „wie 22 Männer in kurzen Hosen einem Ball hinterher rennen“ (Zitat irgendwelcher Leute, die dieses Argument für besonders stichhaltig erachten bezüglich der Sinnlosigkeit dieses Spiels).

Fussball ist ein Spiel und hat bestimmte Regeln, ich finde diese Regeln gut, andere spielen Schach, das ist im Prinzip wie Fussball nur ohne Würfel.

Sollen sie nur.

Ich mag Fussball. Ich mag Fussball so gerne, dass ich mich noch genau daran erinnern kann, wie enttäuscht ich war, dass am 11. September 2001 wegen einer Dauernachrichtensendung im ZDF die UEFA-Cup-Party Vfl Wolfsburg gegen irgendeine ukrainische Mannschaft nicht übertragen wurde.

Habe ich Party geschrieben? Ich meine natürlich Partie, wollen bei den Tatsachen bleiben.

Ich war und bin kein Fan des Vfl, ich bin Fan des Sports.

Ich schaue aus Interesse, wenn es meine Zeit zu lässt, Spiele an, auch Spiele nichtdeutscher Mannschaften, nicht zuletzt, weil die meistens einen attraktiveren Fussball spielen. Ich tue das nur für mich, ich will wissen, welcher Spieler wann enttäuscht, wann überzeugt hat, will wissen, wie die dabei aussehen, wie sie jubeln und trauern.

Ich will nicht wissen, was sie nach dem Spiel dazu zu sagen haben, es gibt nichts langweiligeres als Floskeln wie: „Sicherlich haben wir uns in der ersten Halbzeit hinten rein drängen lassen, aber nach und nach sind wir immer besser in Spiel gekommen, haben die Zweikämpfe gesucht und dann viel über die Außen kombiniert. Klar hat uns ooch das Quentchen Glück gefehlt, aber jetzt denken wir nur noch ans Rückspiel.“

Aha.

All meiner Wünsche und Träume, was den Fussball eingedenk, auch meiner verpatzten eigenen großen Karriere nach Kreuzbandriss 2006 im Zuge eines heiß umkämpften Matches im Leipziger Rosental, musste mich dieses EM bis jetzt enttäuschen. Sicher hatten wieder alle Jungs ihre Deutschland-Fahnen und Deutschland-Irokesen-Perücken ausgepackt, die Mädchen diese unsäglichen dreifarbigen Lippenstifte, aber „Fussball-Fieber“, wie wohl nicht nur die Münchner tz eine Woche vor Turnierbeginn titelte, wollte bis jetzt noch nicht so richtig aufkommen. Vor allem nicht bei der deutschen Mannschaft.

Wie die Holländer spielen…mmmmmh.

Wie die Portugiesen spielen…mmmmmh.

Wie selbst die Österreicher gespielt haben in der ersten Hälfte gegen Polen…mmmmh.

So eine Freude am Ball, so eine Freude, das zu betrachten. Die Deutschen wiederum rumpeln sich von Spiel zu Spiel und der Grund, dass sie heute gegen Österreich nicht verloren haben, ist Österreich, vielmehr, Österreichs Unfähigkeit, aus Begeisterung Tore zu machen. Die Deutschen (das große „Wir“) haben heute aus Scheiße ein Tor gemacht, ein Schönes, muss man zugeben. Aber sonst musste ich, das passiert mir nicht oft, diese Mannschaft auslachen, weil das kein Fussball war, in keiner Hinsicht, nicht technisch, nicht mannschaftlich, nicht kämpferisch. Das Tollste an den Deutschland-Spielen waren bis jetzt die Super-Zeitlupen. Die animalische Anspannung während des Anlaufs von Ballack, kurz bevor er den Ball mit 1000 Kilometer pro Sekunde in die Maschen drückte, brachte mich zum Kichern, während die anderen Public Viewer immer nur lachten, wenn Angela Merkel ins Bild kam: „Haha, die Angie, guckt Fussball, verrückt!“

Das ist lustig, das kennt man schon von der WM.

Ich habe mir natürlich Exit-Strategien überlegt, Wege aus der Krise, vielmehr Ausreden für die eklatante Unfähigkeit der deutschen Spieler, ganz normalen Fussball zu spielen. Gegen Kroatien, ok, hatten sie einen schlechten Tag, und Österreich wollten sie nicht demütigen, die sind doch immerhin die Gastgeber und die Schweiz ist auch schon raus geflogen, so von wegen gute Nachbarschaft, ole ole.

Oder sie machen’s wie 1954 und tun nur so, als ob sie schlecht spielen, um dann die wirklich starken Gegner total auszuhobeln, mit raffinierten Taktik-Tricks wie z.B. Odonkor als Torwart/Spielmacher/Mittelstürmer einzusetzen.

Wahrscheinlich sind sie einfach schlecht. Und wäre es dann nicht gut, wenigstens in ihrem letzten EM-Spiel (davon bin ich überzeugt) gegen Portugal einfach mal so zu spielen als wären alle Großmütter des Teufels hinter ihnen her, Kasserollen mit kochendem Käsefondue über den faltigen Köpfen schwingend? Einfach mal ein bißchen Blut weinen, damit wir merken, dass sie Spass daran haben, für 1 Million im Monat ein paar Minuten einfach zu spielen?

Ich wünsche mir, im Sinne des Fussballs, dass die Mannschaft gewinnt, die am besten spielt. Zu dieser nahezu aufklärerischen Hoffnung treibt mich der Wunsch, dass all jene, welche jetzt die Kneipen dieses Landes besetzt halten und aufstöhnen, wenn die deutsche Mannschaft mal über die Mittellinie stolpert, weil es könnte ja aufs Tor geschossen werden (z.B. von Odonkor oder Klose, die nehmen sich momentan nicht viel), ebenso mit fiebern, wenn wirklich Fussball gespielt wird, sei es von Portugal, Spanien, den Niederlanden oder der Türkei.

Das gelobe ich.

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5 Kommentare

  1. jetzt merke ich erst meinen Irrtum, 11. September natürlich, meine Fresse, muss mir doch mal einer sagen!

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