Joachim Günther schlägt zurück

Wenn ein Sachse bundesweite Aufmerksamkeit auf sich zieht, dann meistens dadurch, dass er Blödsinn äußert. Gerade in dieser Hinsicht mit einem Offenen Brief erfolgreich: der FDP-Bundestagsabgeordnete Joachim Günther aus dem schönen Vogtland. Unter der Überschrift

Pressehetze ignorieren? Ich bin so frei!

legt Günther einen echten Rundumschlag hin:

Wer in den vergangenen Wochen und Monaten die Medien verfolgt hat, muss sich eine Frage stellen: Was ist bloß in und mit unserer Gesellschaft los?

Das geht schon gut los: „die Medien“ und „die Gesellschaft“. Der Leitsatz des schlechten Polemikers: Halte deine Kritik immer so allgemein als möglich. Das wirkt heroisch, aber bei konkreten Nachfragen¹ kannst du dich immer darauf zurückziehen, du hättest ja dieses und jenes gar nicht gemeint.

Da ist der nicht immer glücklich handelnde Bundespräsident, den die Journalistenmeute wie einen räudigen Fuchs über sämtliche Titelblätter und durch alle Fernsehsendungen hetzt, weil er Vergünstigungen in Anspruch genommen haben soll. Und ich frage mich, wer von den Hetzern fährt sein Auto nicht zum Sondertarif oder nutzt nicht die Presse-Rabatte der Reiseanbieter, der Technikhersteller etc.? […]

Der Bundespräsident hat „nicht immer glücklich“ gehandelt? Gleich zu Anfang muss man schmunzeln, wie der eben noch brüllende Löwe schon im ersten Absatz Kreide frisst, wenn es um einen von den eigenen Leuten geht. Mit „den Journalisten“ hingegen geht er hart ins Gericht und nennt sie unverblümt „Hetzer“. Dass die auch sehr gerne Vergünstigungen in Anpruch nehmen, ist übrigens wahr und darf den Kollegen ruhig auch mal aufs Brot geschmiert werden. Aber wäre die Frage nicht: Soll ein Minister- oder gar Bundespräsident sich benehmen wie ein beliebiger Schnorrer, der sich gerne beim Gratis-Buffet durchfrisst?

Die Medien mit linksgrüner Hysterie-Berichterstattung werden immer mehr zur 1. Gewalt im Staat. Sie konnten uns vorübergehend suggerieren, dass man in Deutschland nicht einmal mehr einen neuen, modernen Bahnhof bauen darf. Von verschiedensten Brücken-, Straßen-, Stromtrassen-Bauvorhaben ganz zu schweigen. Sie konnten uns auch einreden, dass in Deutschland keiner mehr günstige Energie aus einem Kernkraftwerk haben will. Ich bin schon heute darauf gespannt, was diese Journalisten erzählen, wenn die Strompreise im Zuge der Energiewende drastisch steigen.

Schade! Schon fällt Herrn Günther im Eifer des Gefechts die Faschingsmaske des Volkstribuns wieder herunter und der gute, alte Parteisoldat kommt zum Vorschein. Nun sind es plötzlich nicht mehr „die Medien“, sondern „linksgrüne“ Verschwörer, die hinter allem stecken sollen. Aus der belanglosen Medienschelte wird flugs vorhersehbares Grünen-Bashing. Und die Deutschen sind natürlich eigentlich riesige Atomkraftfans. Wenn das diese verdammten Zeitungen doch nur endlich mal schreiben würden!

Wir als FDP halten eine Finanztransaktionssteuer für sinnvoll, aber nur dann, wenn sie in ganz Europa eingeführt wird. Es brächte nachweislich Nachteile für den Wirtschaftsstandort Deutschland, wenn sie nur partiell – etwa in den Ländern der Eurozone – eingeführt würde. Deshalb sträuben wir Liberale uns gegen die Pläne der Bundeskanzlerin. Was war in den Headlines der Zeitungen zu lesen? „FDP torpediert Merkels Zocker-Steuer“. Aus meiner Sicht eine bewusste Irreführung der Leser. […]

Sicher nicht irreführender als dieser Absatz von Joachim Günther. Denn, Hand aufs Herz: Die FDP ist doch nur deshalb für die Finanztransaktionssteuer nur im Rahmen der EU, weil sie genau weiß, dass sie in diesem Rahmen nie zustande kommen wird. Und genau das wünscht sich in Wahrheit auch Herr Günther. Erwischt!

Wer stoppt diesen Kampagnen-Wahnsinn? Solange wir als Zeitungsleser, Radiohörer und Fernsehzuschauer uns weiter so an der Nase herumführen lassen, wird sich nichts ändern. Solange werden uns weiter in der Hauptsache Negativschlagenzeilen vorgesetzt und Berichte, die den Hauch eines Skandals haben – aus der Welt- und Bundespolitik übrigens ebenso wie aus dem lokalen Geschehen. Wo sind die Berichte darüber, dass es 2011 in Deutschland 41 Millionen Erwerbstätige gab – so viele wie seit der Wiedervereinigung nicht, oder darüber, dass es 8 Milliarden Euro Überschüsse in den sozialen Sicherungssystemen gibt? Darüber, dass jeder Deutsche 2012 durchschnittlich 413 Euro mehr Geld in der Tasche haben wird? […]

Ja, wo bleibt es nur, das Positive? Ach, weiß der Teufel, wo es bleibt. Only bad news are good news. Das ist nun einmal so und wird auch immer so bleiben. Ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen, sobald die „Bild“ mal mit der Schlagzeile „Es geht uns gut!“ aufmacht.

Wie schnell sind bei uns vorschnell Verleumdungskampagnen losgetreten, die am Ende nicht gerechtfertigt sind, aber jede Menge persönliches Leid verursachen.

Und wie schnell hat man indirekt die Behauptung aufgestellt, die Vorwürfe gegen den Bundespräsidenten und – noch schlimmer! – die Angriffe gegen die FDP basierten nur auf Lügen!

Was ist geworden aus dem Dichter- und Denkerland Deutschland, dem Land des Fortschritts und der Entwicklung?

Geworden ist draus ein Staat, in dem man „Dichter- und Denkerland Deutschland“ schreiben darf, ohne in Scham vor sich selbst zu versinken.

Ein Land des Stillstands, des Pessimismus und der Panikmache. Das suggerieren uns zumindest die Medien. Wie der Ruf nach Politikern vom Format früherer Politgrößen immer lauter wird, sollte auch der Ruf nach Journalisten nicht ausbleiben, die ihren Beruf so verstehen und ausüben wie zum Beispiel Hanns Joachim Friedrichs. Schon Wächter, Beobachter, Berichterstatter, aber nie Nachrichtenmacher.

Besonders der Mann, der sich die Nachrichten von den Wahlergebnissen der FDP ausdenkt, gehört hinter Schloss und Riegel. Aber nein, so war’s natürlich nicht gemeint:

Nun kann man unmoralische und unfähige Journalisten nicht einfach zum Rücktritt auffordern.

Doch, man kann. Sie werden darauf aber wohl reagieren wie Christian Wulff und – bleiben.

Wohl aber kann man Zeitungen abbestellen, Radio- und Fernsehsender nicht mehr einschalten.

Und sich Lebensmittelvorräte und eine Schrotflinte besorgen, die Tür verriegeln und sich im Keller verbarrikadieren.

Ich bin sicher, dann würde sich einiges ändern im medialen Bereich. Das erfordert aber Einigkeit unter den Konsumenten und ein gewisses Maß an Werten.

Wenn sich doch nur das Volk, Verzeihung: die Konsumenten, endlich einmal einig wären! Immer diese verschiedenen Meinungen, dieser Streit. Es ist zum Verrücktwerden! Wie schön war’s doch früher, als Joachim Günther noch Kreissekretär der Blockpartei LDPD war und die Presse ausschließlich „konstruktive“ Kritik üben durfte. In Maßen!

Aus meiner Sicht geht es um Humanität, Demokratie und Selbstachtung.

Aus meiner Sicht geht es um den Frust eines langsam in Vergessenheit geratenden „Ehrenvorsitzenden der FDP Vogtland“.

Wir müssen wieder zurückfinden zu einem anständigen, fairen Umgang miteinander. Und wir sollten uns fragen, ob die Unzufriedenheit, die sich in unserem Land breit gemacht, die Neid und Pessimismus geboren hat, tatsächlich angebracht ist für eine Staat wie Deutschland, der wirtschaftlich und sozial eine Spitzenposition in der Welt einnimmt.

Wie im Lehrbuch: Am Ende wird’s wieder staatsmännisch und der Zirkelschluss zum Anfang des Textes ist gelungen.

Stellen wir uns als Liberale an die Spitze einer Bewegung, die das Positive, das wir in unserer Gesellschaft haben, wieder mehr in den Vordergrund rückt!

Ach Gottchen, ja. Machen wir das. Bis wieder die Linksgrünen regieren und wir wieder genau das Gegenteil machen. Mit genau derselben Überzeugungslosigkeit, denselben großen Gesten und denselben leeren Worten.

¹ Auf seiner Homepage glättet der vogtländische Maulheld denn auch gleich lieber wieder die Wogen. Nicht, dass die Lokalmedien sich angegriffen fühlen, das wär schlimm: „In meinem Wahlkreis Vogtland sind wir in der komfortablen Situation, zwischen zwei regionalen Tageszeitungen wählen zu können. Ich lese beide mit Interesse. Außerdem bin ich froh, dass wir einen Rundfunksender in Plauen haben, der stets ausgewogen und aktuell aus dem Vogtland berichtet.“