Kunsttipp: Wolfgang Müller im Kunsthaus

Gestern eröffnete eine neue Ausstellung in dem immer besuchenswerten Kunsthaus Dresden, der städtischen Galerie für zeitgenössische Kunst. Sie widmet sich diesmal ausnahmsweise nur einem einzigen Künstler und heißt: Wolfgang Müllerrr: Extra und Gleichzeitig.

Wolfgang Müller, geboren in Wolfsburg, unternahm sein erstes Kunstprojekt, indem er die Spickzettel seiner Mitschüler sammelte und sich damit vergeblich an einer Kunsthochschule bewarb. Später klappte das dann doch noch in West-Berlin, wo er in den achtziger Jahren Aufmerksamkeit mit seiner Artpunkband Die Tödliche Doris auf sich zog. Nachdem er die Band in Weißwein aufgelöst hatte, wandte sich sein Interesse seit den neunziger Jahren immer stärker Island zu, wo er auf eigene Faust das geschlossene Goethe-Institut wiederzueröffnen versuchte. Weitere Schwerpunkte seines Schaffens liegen im Bereich der Ornithologie. Zuletzt veröffentlichte er das Buch Valeska Gert. Ästhetik der Präsenzen über das Schaffen dieser bahnbrechenden deutschen Tänzerin und Ausdruckskünstlerin.

Die Ausstellung bietet einen unbedingt sehenswerten Längsschnitt durch die künstlerische Biografie Wolfgang Müllers. Die oft an Dada erinnernden Aktionen besitzen etwas, das in der zeitgenössischen Kunst nicht oft zu finden ist: Witz und Selbstironie. Sie sind Ergebnis von ausgiebigen Recherchen und intellektuellen Kalkulationen, ohne dadurch wie sonst so oft verkopft und unsinnlich zu wirken. Nicht nur ein beinahe im Original nachgebauter Wahlwerbestand der FDP von 1995 verweist darauf, dass Kunst für Müller immer auch politischen Charakter hat. In Gebärdensprache und Übersetzung stellt ein Video die isländische und die deutsche Fassung der Märchens Die ungleichen Kinder Evas dar, im Vergleich fällt der betuliche Konservativismus der Brüder Grimm besonders unangenehm auf. Höhepunkt der Schau im größten Saal ist eine Reihe von Zeichnungen ausgestorbener Vögel. Anhand von Beschreibungen ihres Gesanges in alten zoologischen Fachbüchern hat Wolfgang Müller befreundete Musiker darum gebeten, den längst und für immer verschwundenen Geschöpfen zum letzten Mal eine Stimme zu geben.

Die Ausstellung läuft bis zum 29. Mai. Immer freitags ist der Eintritt ins Kunsthaus frei, immer sonntags um 15 Uhr gibt es eine Führung.

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