Professor Patzelt fordert: Gerechtigkeit für PEGIDA

In jenen Monaten, in denen die Anführer der PEGIDA sich noch weigerten, mit der “Lügenpresse” zu reden, nahm ein Mann gerne auf dem frei gebliebenen Stuhl Platz und warb eloquent um Verständnis für die Protestbewegung: der Dresdner Professor Werner Patzelt. Anders, als man es von einem Politologen erwarten würde, hielt sich Patzelt nicht mit tiefschürfenden Analysen auf, sondern ergriff beherzt Partei für den “kleinen Mann”, der da angeblich auf die Straße gehe. Ein Wissenschaftler, der allen Ernstes vom “kleinen Mann” redet? Der einen Popanz zum Argument erhebt? Das gibt’s doch nicht? Und ob! In Dresden gibt’s auch das.

In einem Aufsatz mit dem Titel Was unterhalb von Pegida brodelt hat Professor Patzelt nun seine Auffassungen näher dargelegt. Er klagt in seinem Text vorausschauend über den allgegenwärtigen “Rohrstock der Satire”, wird ihn nun aber leider auch mal selbst aushalten müssen. Es tut mir aufrichtig leid, aber Strafe muss sein! Immerhin ist der Mann gut gepolstert, es wird schon nicht allzu wehe tun.

Professor Patzelt ist keineswegs blind für die unschöne Seite der PEGIDA-Proteste. Nein, er räumt mit unnachahmlicher Nonchalance ein:

Zwar marschieren bei Pegida schon auch Rechtsradikale.

Zwar schon auch! Kann man sich entschiedener ausdrücken?

Doch die allermeisten der vielen Tausende von Demonstranten gehören in Dresden zum ganz normalen Volk.

Hier könnte er leider fast recht haben. Und doch: Sollte ein Wissenschaftler nicht vielleicht schon einmal etwas von der Kritik am problematischen Begriff der “Normalität” gehört haben? Aber vielleicht hat Professor Patzelt seine akademische Hülle ja für den öffentlichen Diskurs abgestreift und in den Schrank gehängt wie einen lästigen Talar. Nun tritt er uns in seiner ursprünglichen Blöße als Dresdner Bürger entgegen. In solcher Unbedarftheit hat er die Demonstrationen selbst beobachtet und bei PEGIDA nur “ganz normale Leute” gesehen. Denn niemand dort zeigte einen “Hitlergruß” und alle schwenkten nur “Schwarz-Rot-Gold”. Niemand stellte sich Professor Patzelt persönlich als Nazi vor. Damit ist der empirische Beweis erbracht: PEGIDA ist ganz normal. Umso unverständlicher die “Wut” der Gegendemonstranten, die Patzelt genießerisch in ihrer ganzen Lächerlichkeit bloßstellt. Diesen trotteligen Gegendemonstranten fehlt wohl der theoretische Zugang, den Patzelt bei dem “in solchen Dingen sehr klarsichtigen Carl Schmitt” (der in anderen Dingen nicht ganz so klar sah) gefunden hat:

Hier halten nämlich auf der einen Seite Freunde zusammen – und steht auf der anderen Seite der Feind. Da geht es um “wir” gegen “sie”.

Doch nicht etwa PEGIDA hat diese “Feindbildpflege” mit ihrer Abschottung und ihren Hassparolen verbreitet. Nein, es war natürlich die Opposition. Davon, dass diese überhaupt nicht wie PEGIDA stahlhart vereint, sondern wie immer in Dresden in zahllose Fraktiönchen zersplittert ist, hat Patzelt offenbar noch nichts gehört.

Auf den empirischen Befund, der allein schon durch die Beobachtungsgabe des Professors als repräsentativ gelten darf, folgt nun die weitere Analyse. PEGIDA ist nicht etwa eine Gelegenheit, über das Weiterleben des völkischen Nationalismus in Deutschland nachzudenken. Nein, eine rechte Bewegung bietet Patzelt den erwünschten Anlass zur Kritik an der Linken. Dialektik in höchster Vollendung! Es geht ihm um “Glanz und Elend politischer Korrektheit”. Man ahnt bei der Überschrift schon, was nun kommen wird. Und leider: Es kommt! In Kürze: Wegen unschöner Vorkommnisse in der deutschen Vergangenheit sind Meinungsäußerungen der Rechten heute kaum mehr möglich, weil ja die Linken alle Rechten sogleich als Nazis denunzieren können. Die übermächtigen Alt-68er haben die Redaktionsstuben der Republik erobert, den Diskurs völlig unter ihre Kontrolle gebracht. “Lügenpresse! Lügenpresse! Lügenpresse!”, brüllt Professor Patzelt nicht. Wie kommt es nur, dass ich es trotzdem höre?

Was Deutschland fehlt, das ist die “Veredelung des empirisch vorfindbaren Volkswillens”:

Sie besteht darin, dass im öffentlichen Diskurs Publizisten und Politiker in rationale, unanstößige, diskursiv anschlussfähige Sprache überführen, was sich an Denkweisen oder Interessensbekundungen an den Stammtischen und auf den Internetseiten der Nation ausdrückt – und zwar mit oft ganz unzulänglichen, ja primitiven Mitteln, die ihrerseits manch hetzerische Dynamik entfalten.

Ganz genau! Wenn Deutschland eins braucht, dann Intellektuelle, die den hetzerischen und menschenverachtenden Quatsch von rechtsradikalen Stammtischbrüdern und Internettrollen in aalglatte, klemmfaschistoide Politphrasen übersetzen. Was Deutschland bräuchte, das wären ein Thilo Sarrazin, eine Alternative für Deutschland, eine Junge Freiheit! Schade, dass es die alle nicht gibt! Solange das leider so ist, haben die Linken schuld daran, dass die Rechten ihre an sich liebenswerten Anliegen leider nur in demagogischer Form vorbringen können. Wir müssen darüber hinweghören! Wir müssen die in bravem Ton “publizierten Forderungen von Pegida” ernst nehmen, auch wenn sie den privaten und öffentlichen Äußerungen von vielen Führern und Geführten der PEGIDA widersprechen. Wir dürfen sie nicht etwa als verlogene Tarnung entlarven. Denn das wäre Ausgrenzung “im Namen von Toleranz und Integration”! Natürlich gibt es auch bornierte Linke, die aus Abscheu von Anfang an jede Verständigung mit den Demonstranten abgelehnt haben, dies sei Professor Patzelt zugestanden. Aber warum nur hat er so wenig Verständnis für diese linke Volkswut, da er der rechten doch Gehör verschaffen will? Oder gehören die Linken etwa nicht zum “Volk”, weil das von Natur aus rechts steht?

Fassen wir noch einmal zusammen: Die Linken sind durch ihre Meinungsdiktatur schuld daran, dass die Rechten sich leider nicht so gepflegt und menschenfreundlich ausdrücken können, wie sie es gerne täten. Und weil die Linken die Parolen der Rechten nicht widerspruchslos hinnehmen, ihnen die Gesellschaft nicht kampflos überlassen wollen, machen sie sich schlimmster anti-demokratischer Ausgrenzung schuldig. Nicht PEGIDA attackiert Andersdenkende, Andersgläubige, Andersaussehende – die Linken tun es. Und selbst wenn die Rechten es auch tun, sind immer noch die Linken daran schuld. Gratulation! Professor Patzelt hat in seinem kleinen Aufsatz mit meisterhafter Dialektik die Wahrheit von den Füßen auf den Kopf gestellt. Und was folgt nun praktisch daraus?

Politiker und Medien sollten Pegida signalisieren: „Wir haben verstanden – und sorry, dass wir anfangs nicht richtig hingesehen haben!“

Richtig, Leute! Wir müssen uns alle bei PEGIDA entschuldigen! Wir müssen uns dafür entschuldigen, dass wir in unserer Blindheit nicht die Vernunft hinter der marschierenden Dummheit, hinter der brüllenden Bosheit nicht die tiefe Menschlichkeit von PEGIDA erkannt haben!

Zum Schluss bedient Professor Patzelt sich auch noch – in vorbildlich interdisziplinärer Weise – seiner Kenntnisse im Bereich der Geologie, um seine These vom unterdrückten Volkszorn zu veranschaulichen:

Anscheinend drückt das Magma unrepräsentierten Volksempfindens und unveredelten Volkswillens allenthalben in Deutschland nach oben. Freilich lagert sich darüber im Westen jene feste Kruste, welche erfahrungsbewährtes Systemvertrauen, jahrzehntelang problemlose Sozialstaatlichkeit und der institutionenbesetzende Aufstieg der “68er” geschaffen haben. Also dringt nur mittelbar und in kleinen Geysiren nach oben, was unterschwellig auch da brodelt. Doch anders verhält es sich im Osten, wo seit der Wiedervereinigung demoskopische Umfragen zeigen, um wie viel dünner dort das Deckgebirge repräsentativer Demokratie ist. In Dresden kamen bloß einige besondere Umstände zusammen – und ließen einen Vulkan ausbrechen.

Hier muss ich Professor Patzelt in einem Detail noch widersprechen. Ich glaube nicht, dass es Magma ist, was da aus den Tiefen ans Tageslicht tritt. Es ist zwar gefährlich und gelegentlich übelriechend, aber nicht glühend heiß, sondern kalt, ganz erschreckend kalt.