Auf dem Arbeitsamt

Ich mache mir Sorgen, als ich morgens zum Arbeitsamt aufbreche, denn ich habe mich weder gewaschen noch rasiert: Hoffentlich ist nicht zufällig gerade Kurt Beck zu Besuch, denn ich habe nicht die geringste Lust, als Punkrock-Experte zu enden. Im Bus der Linie 82 sitzen nur zwei Sorten von Menschen: diejenigen, die gerade auf dem Weg zum Arbeitsamt sind und diejenigen, die gerade vom Arbeitsamt kommen. Dazu eine Hand voll Schüler – aber die sind ja in gewisser Weise auch auf dem Weg zum Arbeitsamt. Der Aufschwung ist da, keine Frage, ich merke es schon selbst: Ich warte nicht wie beim letzten Mal eine ganze Stunde, sondern nur noch eine halbe in der Schlange der ALG-2-Empfänger. Während man sich auf anderen Ämtern dafür entschieden hat, die Kunden Nummern ziehen zu lassen, wird in der Agentur für Arbeit Dresden noch die gute alte Strategie der gezielten Demütigung praktiziert: Die Delinquenten müssen sich an das Ende einer Schlange stellen, die sich mäandernd durch die Wartehalle und den Flur bis ins Treppenhaus zieht. Und dann heißt es: warten. Alle paar Minuten rücken alle mechanisch einen Schritt nach vorn, monoton wie in den monochromen Filmen von Fritz Lang. Die graublaue Auslegware sieht aus, als würden auf ihr nach Dienstschluss Pornos gedreht. Zwei Herren mittleren Alters in grauen Anzügen stehen in den beiden Ecken des Raumes und beobachten das Geschehen. Es scheint, dass es sich bei den beiden nicht um Beamte handelt, sondern um staatlich bezahlte Rausschmeißer, denn ihre Funktion beschränkt sich darauf, böse auszusehen und drohende Blicke durch den Raum streifen zu lassen. Dank ihrer Überwachung verläuft alles erstaunlich diszipliniert: Mürrische Proletarier, minderjährige Mütter, lachende Punks, schnapsgesichtige Penner, entlassene Musikpädagoginnen, müde Philosophen, besoffene Nazis und traurige Russen – sie alle sind friedlich vereint in einer Schlange der Harmonie, gleichermaßen beseelt von der Sehnsucht nach 345 Euro. Ach, wäre doch die ganze Welt ein Arbeitsamt: Die eine Hälfte der Menschheit als gleich gesinnte Bittsteller, die andere Hälfte als fröhliche Bedürfniserfüller. Und jeden Tag würde getauscht: An geraden Tagen säßen diejenigen vor Freude strahlend hinter dem Schalter, die sich an ungerade Tagen ebenso Freude strahlend davor anstellen dürften. Schenken und beschenkt werden – immerzu und ohne Pause! Aber, werden jetzt die FDP-Wähler unter euch sagen, wer soll das denn bitteschön bezahlen? Und auch ich fahre unsanft vom Sinn für die Realität geweckt auf aus meinen Träumen, als mir eine dicke Hausfrau mit Kind ungeduldig in die Hacken tritt. Ich hatte träumend den nächsten Schritt verpasst. Die zwei staatlichen Schläger schauen bereits misstrauisch in meine Richtung. Hoffentlich haben sie nicht mein versonnenes Lächeln bemerkt. So etwas sieht man hier nicht gern. Wer keine Fresse zieht oder stumm vor sich hin leidet, dem geht es doch wohl offensichtlich noch nicht schlecht genug. Der kann sich doch wohl noch alleine helfen. Um mein Grinsen zu vertreiben, versuche ich, mir Kurt Beck vorzustellen, wie er nackt „Fördern und Fordern“ sagt. Es glückt mir. Nach einer Weile, so möchte ich die verbliebene Wartezeit voller Ödnis mal zusammenfassen, um euch keine Langeweile zu bereiten, nach einer Weile also erreiche ich schließlich den Schalter, hinter dem eine zierliche, ältere Frau auf mich wartet. Ich trage in gemessenen Worten mein Anliegen vor. Die kleine Frau antwortet mir so leise, dass ich nichts verstehe. Ich versuche, ihr auf subtile Weise mit runzliger Stirn und gespitzten Ohren klar zu machen, dass ich nichts höre, aber sie flüstert weiter vor sich hin. Ich muss mich über den Schalter näher an ihr Gesicht heran beugen. Hoffentlich glaubt sie jetzt nicht, ich wolle mich ihr in unkeuscher Absicht nähern – verliebt in die Frau vom Arbeitsamt: das wäre ja nun selbst für eine Lesebühnengeschichte zuviel an Sozialromantik. Irgendwann begreife ich aber dann doch, dass sie mich anweist, eine Etage höher im Wartezimmer Platz zu nehmen. Eine Etage höher? Im Wartezimmer? Wo war ich denn bis jetzt gerade? Ich trotte die Treppe nach oben und setze neben andere Gesichter, die ich schon von unten aus der Schlange kenne. Nach einer Viertelstunde kommt eine junge Frau vorbei, die mich fragt, ob ich nicht vielleicht im falschen Wartezimmer sitze. Sie schickt mich in den benachbarten Raum. Ich warte. Dann werde ich von einer Sachbearbeiterin abgeholt und an ihrem Schreibtisch platziert.
„Ich möchte gern eine selbstständige Tätigkeit anmelden und zwar …“
„Alles klar, warten sie, ich gebe das gleich in den Computer ein, dann können sie ja eigentlich auch gleich noch Überbrückungsgeld beantragen, haben sie denn den Gewerbeschein dabei, unter welcher Adresse kann ich jetzt ihre Firma erreichen, sie wissen ja, wenn sie mehr als tausend …“
„Äh, nein, Moment mal“, versuche ich die Frau zu unterbrechen, „Es geht nur um eine ganz geringfügige Tätigkeit, ein paar Euro im Monat, ich dachte nur, ich sollte es besser angeben, damit sie nicht …“
„Alles klar, warten sie, ich gebe das gleich in den Computer ein, das ist dann wohl eher eine Nebentätigkeit, kein Problem, sie arbeiten dann wohl Vollzeit, nehme ich an …“
„Äh, nein, Moment mal – wie gesagt, das sind vielleicht vier oder fünf Tage im Monat oder so.“
„Na, jetzt sagen sie mir doch bitte endlich, was genau sie denn machen!“
„Naja, wie soll ich sagen, ich lese eben Leuten meine Geschichten vor, mal hier und mal dort.“
„Alles klar, warten sie, ich gebe das gleich in den Computer ein … lese Leuten Geschichten vor … was verdienen sie dann voraussichtlich im Monat, sie wissen ja, sie müssen sowieso noch ihre aktuelle BWA einreichen, nur so ungefähr …“
Ich schiebe ihr einen Zettel mit meinen Einnahmen der letzten Monate über den Tisch. Sie wirft einen kurzen Blick darauf, dann schaut sich mich wieder an.
„Warum machen sie denn nicht was Vernünftiges?“
„Gute Frage.“
„Sie lesen also Geschichten vor? Und dafür bezahlen Leute Geld?“
„Ein bisschen, ja.“
„Worum geht es denn dann so, da, in ihren Geschichten?“
„Hauptsächlich um Besuche beim Arbeitsamt.“
Mit eisigem Schweigen tippt die Sachbearbeiterin meine restlichen Daten in ihren Rechner.
„Sie hören von uns.“
Aber ich lasse mir die Stimmung nicht verderben und springe frohen Mutes die Treppe hinunter, vorbei an all den wartenden trübsinnigen Gesichtern, vorbei an den finster blickenden Rausschmeißern, denen ich fröhlich ein schönes Wochenende wünsche. Erschrocken blicken sie mir nach und fingern in ihren Brusttaschen nach dem Pfefferspray. Ich laufe nach draußen, renne dem Bus nach, springe in der letzten Sekunde hinein und lasse mich lachend auf einen Sitz fallen. Die Schulkinder rings um mich her lachen mit mir. Vielleicht habe ich sie mit meiner Fröhlichkeit angesteckt, vielleicht halten sie mich auch für einen Verrückten. Ich freue mich darüber, das Arbeitsamt überstanden zu haben, so wie sie sich freuen, dass für heute die Schule zu Ende ist – sie verschwenden jetzt keinen Gedanken daran, dass sie schon morgen früh wieder auf sie wartet. Und ich möchte schließen, indem ich einen großen amerikanischen Gegenwartslyriker zitiere: „Die Kinder sind immer ehrlich. Sie glauben nicht, dass sie jemals sterben werden.“

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5 Kommentare

  1. Ich würde ja echt gern mal wissen, wie viel Wahrheit da dran ist. Ich als armer Arbeiter hab doch vom Amt keine Ahnung.

  2. Habe mich neulich auch mal wieder ins Arbeitsamt verirrt und bin da einfach so bissl rumgelaufen.
    Wollte doch direkt mal schauen, wie meine Steuergelder verbraten werden. Vorn wurde ich noch skeptisch angeguckt – im den hinteren Teilen des bunkerartigen Labyrinthes wurde ich dann schon unsicher gegrüßt. (Ich sah aber auch total wichtig aus.) :-)

    Solche unangekündigten Kontrollgänge werde ich in loser Folge immer mal wieder machen. Und das kann ich allen anderen auch nur empfehlen!
    Man genießt das Sonnenlicht wirklich ganz anders, wenn man die Agentur für Arbeit wieder verläßt. Es ist wie eine Wiedergeburt ;-).

  3. uwe, laß es bleiben und glaub einfach, daß du es echt gern überhaupt nicht wissen willst! (oder lehne beharrlich überstunden ab und du landest ganz von selbst im kennelernen von wahrheit, einer wahrheit, jener wahrheit, solcher …)udo

  4. Uwe, Micha schreibt sehr viel Wahrheit ohne zu übertreiben!

    Hier eine Kostprobe meiner ARGE DRESDEN Geschichten:

    Nach meinem letzten Termin, bei einer Fallmanagerin, die eigentlich gar nicht meine Fallmanagerin ist, und diese sich fragt, warum ich bei ihr sitze, sie sei doch für Bürokommunikation zuständig,ich aber den Brief von ihr bekam, sie deshalb sauer auf ihre Kollegin war, sich meiner dennoch freundlicherweise annahm, es sollte ja um meine berufliche Zukunft gehen, riet mir diese Fallmanagerin, nachdem ich mich nach finanz.Unterstützung erkundigte, würde ich nochmal Lehramt studieren, riet sie mir,

    mich doch an die Parteien zu wenden, die hätten das dicke Geld. Oder den Bundespräsidenten anzuschreiben, oder die Frau Merkel.Ich müsse alles pobieren und vor allem QUERDENKEN.

    Frau Merkel, die gerade auf dem G8 ist… dacht´ ich mir und dachte eigentlich so gar nichts mehr. Wie Micha über das Amt schreibt ist Balsam für Leidensgenossen. Danke Micha

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