Backstage

Der angehende Berufsmusiker betritt den Backstageraum und stellt sich vor. Er trägt einen merkwürdigen Namen und hat sich einen noch merkwürdigeren Künstlernamen zugelegt, hinter dem sich ein Geheimnis verbirgt, nach dem niemand fragt. Er verteilt seine Visitenkarte. Er sagt, dass er eigentlich nur da sei, um Kontakte zu knüpfen. Er möchte wichtige Leute kennen lernen und gibt den Anwesenden mit seinen Blicken zu verstehen, dass sie nicht zu den wichtigen Leuten gehören. Er fragt, wo in der Stadt es bessere Orte als hier geben könnte, um aufzutreten. Er hat seine Gitarre mitgebracht, aber würde zur Not auch auf der spielen, die bereits auf der Bühne steht. Er hat aber vorhin schon gehört, dass diese verstimmt ist. Er wüsste, welche Saite man nachspannen müsste, hat aber gerade kein Werkzeug dabei. Er hat keine Vorurteile gegen den Osten. Er hat sich bewusst für Leipzig entschieden, weil hier der große Durchbruch wahrscheinlicher ist. Er befürchtet, dass Berlin von Musikern inzwischen überlaufen ist. Er weiß aber auch, dass man auch aus Leipzig raus muss, um den großen Durchbruch zu schaffen. Er interessiert sich für Kontakte nach Halle. Er ist erst seit drei Wochen da, aber schon an ganz vielen Auftritten dran. Er hat auch schon eine Band aus New York supportet, mit der er seit Jahren befreundet ist. Er ist enttäuscht darüber, dass manche Veranstalter auf seine E-Mails nicht reagieren. Er erzählt von seinem letzten Auftritt, bei dem eine unangenehme Unruhe geherrscht habe. Er würde lieber vier Lieder spielen, aber zwei seien schon auch okay. Er hat viele Facetten und möchte sie auch zeigen. Er findet die Texte der anwesenden Kollegen so „schön schräg“, dass es gar nichts macht, wenn das Timing beim Gitarrenspiel nicht stimmt. Er sieht aus wie ein Student der Betriebswirtschaftslehre. Auf seinem Künstlerfoto sieht er aus wie ein Student der Betriebswirtschaftslehre, der sich als Künstler verkleidet hat. Auf der Bühne sagt er zu Beginn, dass er sich auf dieser Bühne ein bisschen deplaziert fühlt. Er erklärt seine englischen Texte mit süddeutschem Akzent. Er verrät, in welcher Stimmung und welcher Straße seine Lieder entstanden sind. Er singt ein Lied, in dem es darum geht, dass wir alle im Leben vielleicht nur Schauspieler sind.

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4 Kommentare

  1. …und der satz mit dem „deplaziert“ ist wahrscheinlich einer jener tragischer momente, in dem man aus versehen die wahrheit sagt, es aber nicht bemerkt und wieder vergißt, auf einem kranken pferd der untergehenden sonne nachreitet…