Die Ägypter und wir

Der Tyrann will nicht weichen. Tausende Menschen versammeln sich täglich auf den Straßen, um gegen die andauernde Herrschaft des Potentaten zu demonstrieren, der nie von einer Mehrheit des Volkes in sein Amt gewählt wurde. Jeder weiß, dass er mit der Begünstigung seiner Freunde und Verwandten, mit der Plünderung der Staatskassen eine ganze Nation an den Abgrund geführt hat. Derweil bleiben die Ärmsten des Landes sich selbst überlassen. Visionen für die Zukunft entwickelt er längst keine mehr, seine Reden sind gefüllt mit ermüdenden Durchhalteparolen und Wiederholungen der immer gleichen Phrasen. Verzweifelt warnt er davor, nach seinem Abtritt werde das Chaos ausbrechen, der Pöbel die Herrschaft übernehmen. Aber diese Unkenrufe will längst keiner mehr hören. Selbst die geknebelte Presse hat sich abgewandt und wagt inzwischen kritische Berichte. Und auch in der eigenen Partei wäre man den ungeliebten Führer lieber heute als morgen los, nur traut sich noch keiner, in die Rolle des Königsmörders zu schlüpfen. Kein Zweifel, dass er mittlerweile der meistgehasste Mann des ganzen Landes ist. Sehnlichst wünschen sich die Bürger, man könnte ihn verschnüren und in ein Flugzeug packen, das auf Nimmerwiedersehen dorthin startet, wo der Pfeffer wächst. Kurz: Es sieht schlecht aus für Guido Westerwelle.

Ähnlich geht es aber auch dem ägyptischen Diktator Hosni Mubarak, dem Guido Westerwelle des Nahen Ostens. Wer kann sich die Bilder der Demonstrationen anschauen, ohne von ihnen bewegt zu werden? Es ist aber nicht nur Sympathie, die aufkeimt, sondern auch Neid. Oder wie soll man sonst das intellektuelle Seufzen der Deutschen, ja des ganzen Westens beschreiben? Ach, wie selig die Ägypter, die noch klare Fronten zwischen Gut und Böse kennen! Wie glücklich das Volk am Nil, das alles Übel auf einen einzigen Mann projizieren kann! Wie erwartungsvoll diese Gesichter, die sich noch hoffnungsfroh nach der Demokratie sehnen, die uns nur noch ermüdet und längst kalt lässt. Wir schauen auf die Ägypter wie auf Kinder, die uns erzählen, wie sehr sie sich wünschen, endlich erwachsen zu sein. Wir nicken ihnen aufmunternd zu und denken doch im Stillen: Ach, wüsstet ihr Kinder, wie erbärmlich es in unserem Alter zugeht, ihr würdet mit Freuden ewig unmündig bleiben. Aber es hilft nichts: Wir müssen erwachsen werden, als Menschen und als Nationen. Wer sich dem in den Weg stellt, wird weggefegt, und zwar zurecht, so wie der sture Opa in Kairo, der hoffentlich bald seinen wohlverdienten Ruhestand in einem Altersheim mit Gittern vor den Fenstern antritt.

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2 Kommentare

  1. Menschen weltweit haben ein Recht auf MTV, Youtube und McDonalds. Wer dies verwehrt, dem soll mit einer umgedrehten Pyramide in den Hintern gestochen werden.

  2. guido ein tyrann? fürs gehör? na und,kann man leise drehen… radiosprecher sagt gerade, daß in tunesien eventuell leute in die boote steigen, die von der diktatur profitierten oder geflohene häftlinge… andere frage: erleben sie dort eine zwischenphase aus echter demokratie vor lobbygesteuerter „demokratie“?

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