Gestern im Hygiene-Museum …

… erlebte ich eine recht merkwürdige Lesung. Der in Dresden geborene Autor Uwe Tellkamp, inzwischen unter anderem mit dem Bachmann-Preis dekoriert, stellte seinen neuen Roman Der Turm vor. Es handelte sich sogar, wie ich vor Ort dann erfuhr, um die Deutschland-Premiere des Buches. Vom Suhrkamp-Verlag wird es als Wende-Epos mit den Buddenbrooks verglichen, was die Ansprüche überdeutlich macht. Ich mache mich ja gerne über das mangelnde Interesse der Dresdner an Lesungen lustig, musste mich diesmal aber eines Besseren belehren lassen. Ich schätze, es waren ungefähr 300 Menschen anwesend. Bei einer Autorenlesung habe ich zuletzt bei Charlotte Roche ungefähr so viele Leute gesehen. Die Gründe für den Erfolg dürften diesmal aber woanders gelegen haben. Der Turm wurde in der Dresdner Presse vor allem als Dresden-Roman angekündigt. Das bürgerliche Milieu des Elbhangs bilde den Kern der Erzählung. Alter und Anmutung des Publikums ließen auch wirklich den Schluss zu, dass ganz Loschwitz anwesend war.

Tellkamp las nun zwei Kapitel aus seinem Roman: Das erste stellte Figuren vor und entwarf eine Topografie, die deutlich an das Viertel Weißer Hirsch gemahnte. Das zweite brachte eine satirisch gezeichnete Episode aus dem Leben des jungen Helden, in der die Absurdität der Produktion in der DDR gezeichnet, aber auch ein Blick in die intellektuelle Gegenwelt geworfen wurde. Die Stimme des Autors erinnerte durch den Hall im Foyer des Hygiene-Museums, der die Enden der Sätze oft verschluckte, ein wenig an eine Predigt. Freundlicher Applaus krönte die Lesung. Nun aber geschah Merkwürdiges: Der Autor, der das geplante „Gespräch“ weitgehend selbst in die Hände nahm, präsentierte sich rätselhaft offensiv und unsouverän. Er begann gleich einmal ungefragt damit, die Dresdner Kritikerin Karin Großmann anzugreifen, die in der Sächsischen Zeitung den Roman keineswegs verrissen, sondern milde ironisch kritisiert hatte. Auch zwei ältere Damen, die dem Autor für sein schönes Buch dankten, konnten Uwe Tellkamp nicht beruhigen. Jede weitere Frage aus dem Publikum verstand der Autor als Angriff. Er verteidigte sein Recht, seine Kindheit in Dresden literarisch zu verarbeiten, obwohl niemand ihm dieses Recht abgesprochen hatte. Er verteidigte die Faktentreue seines Buches, obwohl niemand diese in Frage gestellt hatte. Er verteidigte die kritische Haltung seines Werkes, obwohl kein einziger Zuhörer nach einer Verherrlichung der DDR gerufen hatte. Kurz gesagt: Es war alles ganz und gar merkwürdig. Uwe Tellkamp inszenierte sich als Provokateur, obwohl sich im ganzen Raum kein Mensch provoziert gefühlt hatte. Wie auch? Was er da an Text gelesen hatte, war – mit Verlaub – weit entfernt davon, provokant zu sein. Wie der Abend ausging, kann ich leider nicht mehr berichten, denn ich war unter den Ersten, die das Hygiene-Museum wieder verließen.

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