Gott im SPIEGEL

Gut, man erwartet mittlerweile nicht mehr allzu viel vom früher als aufklärerisch und linksliberal bekannten Wochenmagazin namens DER SPIEGEL. So war ich denn auch eher skeptisch, als ich jüngst das neueste Heft zu Gesicht bekam, dessen Titel eine Auseinandersetzung mit einem angeblich neuen Atheismus versprach. Schließlich wird die Kulturabteilung des Heftes inzwischen von einem Mann befehligt, der sich nicht entblödet, in seinem sterbenslangweiligen Video-Blog Papst Benediktus alias Prof. Ratzinger dafür zu loben, dass er in seinem jüngsten Buch Jesus endlich nicht mehr „historisch-kritisch“ behandle, sondern „als Sohn Gottes“ – so wie es sich eben für einen richtigen Katholiken gehöre.

Und weder das Magazin-Cover noch die Titelschlagzeile gaben Anlass zur Entwarnung: „Gott ist an allem Schuld! Der Kreuzzug der neuen Atheisten“. Die Atheisten also sind die wahren Fanatiker, eine kleine Sekte von verbiesterten Friedhofsschändern, die der Masse der frisch-fromm-fröhlich-freien Gläubigen vergeblich ans Bein zu pinkeln versucht. Aber der Artikel war denn doch nicht so schlimm, wie es der Titel befürchten ließ. Er stammte auch nicht unmittelbar vom papsttreuen Langweiler Matussek, sondern wenigstens bloß vom Rom-Korrespondenten und Vatikan-Berichterstatter Alexander Smoltczyk, der es sich – trotz seines sehr katholischen Namens – manchmal sogar herausnehmen darf, maßvolle Kritik an der heiligen Mutter Kirche vorzunehmen. Die neuen, nun ja vielleicht nicht wirklich ganz so neuen Atheisten schilderte Smoltczyk mit einer Mischung aus ängstlicher Bewunderung und leisem Spott: Eine Hand voll kluger, aber doch allzu verstockter Gotteshasser, die ihren eigenen Dekalog dekretieren wollen und die „falsche“ Religion der fanatischen Gewalttäter allzu voreilig mit der „wahren“ Religion der toleranten und friedliebenden Gläubigen verwechseln. So plädierte der SPIEGEL-Autor dann am Ende recht lustlos für eine gemütliche Kuschelreligion, aus der sich jeder nach individuellem Bedarf das „Gute“ heraussuchen solle.

Interessanter waren da die wirklich ebenso witzigen wie bösartigen Zitate der porträtierten und interviewten Heiden, die mehr als ein Schmunzeln auf mein Gesicht zauberten. Wer will, kann sich auch das Protokoll des Chats durchlesen, den der Chef der atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung auf SPIEGEL ONLINE mit gläubigen wie ungläubigen Lesern führte. Charmant.

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