Lektüreliste (1)

Als neue Rubrik in diesem Blog gibts ab sofort Michas Lektüreliste: Ich empfehle Bücher, die ich eben gefressen und noch nicht ganz verdaut habe mit ein paar unmaßgeblichen Bemerkungen. Los gehts:

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern (2002, überarbeitet 2008). Ein sehr guter Roman über verspätete Adoleszenz, hervorragende Saufszenen. Das letzte Kapitel ist besonders brillant: Aus der Sicht des Bruders wird die Ich-Perspektive des erzählenden Helden relativiert. So wie Lessing Goethe empfahl, doch noch ein zynisches Schlusskapitel zum Werther zu schreiben, um dessen selbstmitleidige Egomanie nicht für sich allein stehen zu lassen.

Wolfgang Herrndorf: Diesseits des Van-Allen-Gürtels (2007). Miteinander verknüpfte, aber sehr unterschiedliche Erzählungen über das Leben der Bohème, die eine beinahe magische Wirkung entfalten. Nur warum reale Personen aus der Berliner Literatenszene auftreten müssen, verstehe ich nicht.

Laurence Sterne: Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick (1768). Der Übersetzer Michael Walter hatte schon den Tristram Shandy neu ins Deutsche übertragen und damit ein Universum erschlossen. Das Reisebuch ist auch ein komischer Klassiker, aber ganz anders. Der Ursprung aller literarischen Reiseliteratur. Seltsamerweise wurde das Buch in Deutschland trotz seiner angenehm schlüpfrigen Ironie als Manifest der Gefühlsseligkeit gelesen. Die neue Ausgabe bei Galiani kaufen!

Jonathan Swift: Gullivers Reisen (1726). Wunderschön. Fast jede Szene der ersten zwei Teile bewirkt einen Wiedererkennungseffekt, denn man kennt sie aus Trickfilmen seiner Kindheit. Die Teile drei und vier werden in manchen Ausgaben weggelassen, weil man das Werk für ein Kinderbuch hält. Die Reclam-Ausgabe kaufen! Bei der Lektüre stellt man wieder mal fest, dass Konservative manchmal die besseren Kritiker der kapitalistischen Moderne sind. Nebenbei erfährt man, dass ein „Yahoo“ ein affenartiges Wesen ist, das von Bäumen scheißt.

Theodor Gottlieb von Hippel: Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber (1793). Eine echte Entdeckung! Ein Mann, noch dazu hoher preußischer Staatsbeamter, der für die politische Emanzipation der Frauen argumentierte! Hundert Jahre lang folgte ihm darin in Deutschland niemand, nicht einmal eine Frau. Dazu ein ausgesprochen witziger, lesbarer Stil. Aber die späte Aufklärung ist bei uns eben nachhaltig vergessen, dafür werden die deutschen Schüler und Studenten mit metaphysischem Quark von Hölderlin und Novalis gequält.