Unterschiede

Bei meiner Reise nach Bayern traf ich jüngst nach längerer Pause auch mal wieder Dichter aus dem Heimatland der Spoken Word Poetry: den USA. Melissa Rose und Lee Knight Jr. vom Poetry Slam in Palo Alto (Kalifornien) traten während einer Tour durch Europa auch in München und Landsberg auf.

Und wie bei den früheren Besuchen von amerikanischen Poeten beim Poetry Slam in Dresden fielen mir auch diesmal wieder die großen Unterschiede ins Auge, die anscheinend zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Verständnis von Poetry Slam liegen. Die beiden performten – perfekt choreografiert – Texte von meist bitterem Ernst, entweder hochpolitisch oder tief persönlich: der Völkermord im Sudan, Vergewaltigung, uneheliche Kinder, Rassismus, die Kriegserlebnisse des Vaters. Kurzum: Themen, die auf deutschen Bühnen bestenfalls als seltene Orchideen blühen, wenn überhaupt, vom Gewinnen ganz zu schweigen. Ich stellte mir vor, was die beiden wohl gedacht haben, als wir ihnen erzählten, dass der ebenfalls auftretende Volker Strübing mehrfacher Deutscher National Champion sei: jemand, der sich mit einem Zettel auf die Bühne stellt und Geschichten vorliest. Auch ihnen selbst waren die Unterschiede nicht verborgen geblieben: Sie versicherten mir, sie fänden es großartig, dass in Europa mehr Wert auf Texte gelegt würde und weniger auf Performance. Aber vielleicht waren sie auch bloß höflich.

Die amerikanische Poeten, die ich bisher zu Gesicht bekam, zelebrierten mit schauspielerischen Mitteln einen Ernst und Enthusiasmus, der nicht nur oft auf die Tränendrüse der Zuschauer drückt, sondern bis zum Tränenausbruch des sich selbst offenbarenden Poeten auf der Bühne reichen kann. Bei uns erzeugen solche Gefühlswallungen eher peinliches Befremden, scheint mir zumindest. Politische oder persönliche Themen ohne Ironie und Humor zu verhandeln, ohne gekünstelt zu wirken, gelingt hier nur wenigen – man denke an Ken Yamamoto, der dabei aber auch gelegentlich auf taube Ohren stößt. Zuschauererwartungen und Texte korrespondieren miteinander, mancher würde sagen: drehen sich im Teufelskreis. Ein großer Teil des Publikums will sich vor allem amüsieren und sieht den Poetry Slam irgendwo zwischen Kabarett, Stand-Up-Comedy und Freak Show. Wer will es ihm verdenken? Immerhin müssen witzige Texte keineswegs flach sein und transportieren oftmals wesentlich subversivere Botschaften als bierernste Anklagen – Volker Strübing oder Marc-Uwe Kling liefern hier beste Beispiele. Und die Unterhaltsamkeit ist nicht zuletzt auch eine Bedingung für den Zuschauerzuspruch, der – wie mir die beiden ein wenig seufzend verrieten – in Deutschland wesentlich größer sei als bei ihnen daheim. Alles hat seinen Preis.

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1 Kommentar

  1. Schönes Thema!
    Wenn man sich Problemen emotional nähern will, muss man sie subjektiv und sehr vereinfacht angehen. Ich glaub‘ das fällt vor allem den Deutschen recht schwer. Und das finde ich erst mal überhaupt nicht beklagenswert…
    Wenn man allerdings in seinen Texten auf alle Befindlichkeiten Rücksicht nimmt, wird es komplex, schwierig, trocken und natürlich will das keiner hören. Kein Wunder, dass man gerne (ich eingeschlossen) den Ausweg ins Komische nimmt.