Vorhölle abgeschafft!

Gute Nachrichten aus dem Vatikan: Papst Benedikt XVI., the artist formerly known as Prof. Ratzinger, verkündete jüngst, dass die Vorhölle (lat. limbus) mit sofortiger Wirkung abgeschafft sei. In eben dieser mussten noch bis vor kurzem all jene Menschen ausharren, die ohne eigenes Verschulden von der Seligkeit ausgeschlossen waren: so z.B. die Heiden, die das Pech hatten, vor Christi Geburt gestorben zu sein, aber auch die Kinder, die noch vor der Taufe das Zeitliche segneten.

Wahrlich, als ich diese freudige Botschaft soeben las, kam mir ein Traum in den Sinn, den ich jüngst hatte: Ein gar verstockter Atheist starb da, erwachte aber kurz darauf auf der Himmelsleiter, die ihn geraden Wegs zur Himmelspforte führte. Also doch, dachte er sich überrascht, aber doch vergnügt, während ihm Petrus freundlich das Himmelreich aufschloss. Dort aber wartete auf ihn das einladendste Bankett voller himmlicher Speisen und geistiger Getränke – dazu Jungfrauen von überirdischer Schönheit. Hinter einer Wand aber vernahm er ein leises, durchdringendes Stöhnen und Fluchen aus tausenden Kehlen. „Entschuldige bitte, Jesus“, sprach er den Herrn an, der zufällig gerade neben ihm stand, „Aber was verbirgt sich hinter dieser Wand?“ Jesus aber öffnete ein Fenster und ließ den Fragenden einen Blick hindurch werfen: Hinter der Wand aber verbarg sich eine finstere, stinkende Höhle voll von Feuer und Qualm, in der ächzende und um Gnade flehende Menschen von bösartigen, gehörnten Kreaturen auf das Abscheulichste gefoltert wurden. „Was um Himmels Willen ist das?“, fragte der Atheist erschüttert. „Ach“, sagte Jesus mit einem Kopfschütteln, „Das sind die Katholiken. Die wollen das so.“

[Nachtrag, 24.04.: Ich möchte an dieser Stelle noch einen Satz hinzufügen, den ich eben bei SPIEGEL ONLINE finde. Und zwar im Video-Blog von Matthias Matussek namens Matusseks Kulturtipp, der – man möchte es kaum glauben – mit jeder Ausgabe immer noch langweiliger wird. „Über Religion sollte man überhaupt nur freundlich reden.“ Na denn!]

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1 Kommentar

  1. „Wahrlich,“ Micha? Du benutzt ein Wort wie „wahrlich“?!
    Nur in extremen Ausnahmefällen wie diesem hier? Oder …

    Matussek spricht tatsächlich so, wie das Spieglein schreibt, also genau in dieser unsäglich hässlichen, zerworfenen Spiegel-(Techno-)Schreibe:
    „Ich kenne Stephan Sattler seit meiner Kindheit. Ich schaute zu ihm auf, buchstäblich. Er war im gleichen Jesuiteninternat wie ich, einige Klassen über mir. Was mir in Erinnerung geblieben ist von damals – naturgemäß sehr lückenhaft – aber an zwei Dinge kann ich mich sehr gut erinnern. Das eine war schon damals seine unglaubliche Weltläufigkeit – sein Vater war Botschafter am HS (‚Heiliger Stuhl‘) – das andere: sein Trenchcoat.
    Trenchcoat hab ich mittlerweile selber, an meiner Weltläufigkeit arbeite ich mit durchaus gemischten Resultaten. Aber eines ist uns beiden geblieben, und zwar das Interesse an Religion. Und Religion war auch an diesem Abend ein Thema, und es wurde sehr fröhlich und sehr freundlich darüber gesprochen.“
    Dann folgt der Satz „Und ich finde, über Religion sollte man überhaupt nur freundlich reden.“
    Diese Synchronität fand ich schon mal sehr interessant und die Infos von der Feier selbst noch ein ganzes Stück mehr. Ich kann ja verstehen, weshalb der altgediente Koadjutor immer langweiliger auf dich wirkt. Ich meine, was willst du erwarten von einem Vorzeige-Untertan, der seit Kindheitstagen nichts anderes kennt, als der Ritter- und Bischofsgenossenschaft zu dienen. Der sich selbst in himmlischen Traumregionen seine gewohnte kafkaeske (Geistes- und) Lebensumgebung zurechtbaut: „sprach der fürs Protokoll zuständige Oberengel“, Amtsengel … (Ich nenne das inzwischen „die verbeamtete Phantasie“.) Und der deshalb automatisch alle Kunsteindrücke durch seinen römischen Filter jagt und im katholisch-konstantinischen Sinn spirituell-politisch verwurstet.
    Sogesehen wird er für mich zur sprudelnden Quelle okkulter Frömmigkeitstatbestände. Und wie’s aussieht, sollte man den Matussek-Podcast wohl besser mitschneiden und protokollieren, wo er doch so fleißig und freizügig mit seinem Jesuitengeist hausieren geht … Also danke für den Tipp!

    Ich würde z.B. eher das Leo-Strauss-Gebet hervorheben oder einen Satz wie diesen: „Oft wirkt Stephan Sattler so, als sei er ein römischer Prälat als Zaungast bei einer Schlammschlacht.“ Sattler ist Mitglied bei den „Potsdamer M100“, einer Frontorganisation wie das Komitee der 300. Natürlich nicht von gleichem, aber doch ähnlichem Kaliber.
    Es ist diese unsichtbare Einheitspartei der Papisten, die in allen Lebensbereichen Schlüsselpositionen innehat und so mit Leichtigkeit ihre Schäfchen hüten kann, die ihrerseits (mit solidaristischer oder sozialistischer Begeisterung) auch lieber gern behütet leben wollen als frei. Deshalb lautet meine neue Überzeugung: wir werden nicht politisch beherrscht, sondern kulturell.

    Mal ganz allgemein gefragt, was hält ein Träumer und Texter wie du eigentlich von Religion, die aus kanonisierten Buchstaben besteht? Wenn Texttheismus nämlich als Religion durchgeht, und nur dann, dann kann man auch den Marxismus oder Shakespearismus oder so als religiös bezeichnen.
    Abstrakttheismus und Atheismus kommen letztlich doch aufs gleiche raus: angefangen von der Banalisierung der Träume bis hin zur (psychisch und physisch) monolithisch verwalteten Kommune.
    Was nun die Vorhölle betrifft – der Papabischof hat den Club eröffnet, also hat er auch als einziger das Recht ihn wieder dichtzumachen. Stichwort: Frömmigkeitsstrategien, Frömmigkeitspolitik. Hagen Rether liegt völlig richtig mit seinem „Das Fegefeuer war ja vornehmlich für uneheliche und ungetaufte Kinder gedacht, und da das jetzt weltweit immer mehr werden, haben sie sich überlegt: ‚toll, wir machen uns die Welt, widde widde wie sie uns gefällt.'“ Genau das machen sie, und zwar an allen Fronten. Mit Glasnost und Genozid, Mauerbau und Turmpulverisierung und allem sonstigen Krisen- und Erlösungstheater. Weißt du denn, woher die Idee mit dem Fegefeuer stammt?