Einmal Essen und zurück

Im ICE nach Leipzig sitze ich neben einem jungen westdeutschen Paar, offensichtlich auf dem Rückweg von einer unwillkommenen Geschäftsreise in den Osten – Phänotyp „in der Werbung“ oder „was mit Medien“. Ein ängstliches ostdeutsches Rentnerehepaar stolpert verwirrt durch den Gang. Sie schauen sich Hilfe suchend nach einem Platz für ihre monströsen Koffer und Taschen um, aber trauen sich natürlich nicht, jemanden danach zu fragen – sie sind schließlich Ossis. Als sie sich dem Gepäck der jungen westdeutschen Frau nähern, weist diese ihnen den Weg: „Da hinten ist eine riesengroße Gepäckablage!“ Die zwei Alten lächeln verkniffen, nicken und stolpern weiter. „Ich stelle mein Gepäck lieber wieder auf den Boden“, fährt die junge Frau fort, „Sonst kommt wieder einer von DENEN. DIE fragen dich ja nie. DIE fassen deine Sachen ja einfach so an. Das finde ich immer ein bisschen befremdlich.“ Und ich denke, dass ich eher Leute befremdlich finde, die das Wort „befremdlich“ benutzen. Kein Wunder, dass man im Osten Leute aus dem Westen zum Kotzen findet.
Im InterCity nach Hannover setzen sich drei Männer und eine junge Frau aus dem Osten an den benachbarten Tisch. Mit Hilfe ihrer Schals und der Fahne, die sie am Zugfenster befestigen, geben sie sich selbst ostentativ als Fans von Energie Cottbus auf dem Weg in den Westen zu erkennen. Sie breiten eine mitgebrachte Tischdecke aus und verzehren gut gelaunt Wurstbrote mit Spreewaldgurken. Ab und an höre ich es ploppen, wenn ein neues Bier geöffnet wird. Es ist halb zwölf am Vormittag. Während die Jungs sich über Fußball unterhalten, spielt die junge Frau mit einem mitgebrachten Laptop. „Ich hab ja keen Kompjuta.“ „Keen Kompjuta, echt jetze? Dann haste ooch keen Intanet?“ „Nee, braucht man das denn jetze?“ „Na aber, Intanet? Das is doch nu aber fast, möcht ich sagen, unvazichtba, oder?“ Die junge Frau stimmt ihrem Freund zu, ohne vom Bildschirm aufzublicken. Ein westdeutsches Ehepaar mittleren Alters sitzt neben mir und wirft irritierte bis ärgerliche Blicke hinüber zu den rülpsenden Brüdern und Schwestern aus der Zone. Im Gegensatz zu mir können sie der Situation eben kein ethnologisches Interesse abgewinnen. Kein Wunder, dass man im Westen Leute aus dem Osten zum Kotzen findet.


Der Charme des Essener Hauptbahnhofs hält mich davon ab, zu einem Stadtbummel aufzubrechen, obwohl ich viel zu zeitig dran bin und eigentlich noch genug Zeit hätte. Ich steige lieber in die S-Bahn und fahre nach Essen-Steele, wo sich das Kulturzentrum befindet, in dem wir heute und morgen eine Poetry Slam Show abliefern sollen. Das Zentrum von Essen-Steele besteht aus einer weitläufigen Fußgängerzone, überschattet von Zweckbauten der Nachkriegszeit, die einen ganz melancholisch werden lassen. Zum Shopping ist es leider schon zu spät, weil alle Geschäfte bereits geschlossen haben. Es ist Sonnabend Nachmittag, kurz nach vier. Angesichts der Tatsache, das Essen sich am Hauptbahnhof auf einer riesigen Leuchtreklame als „DIE EINKAUFSSTADT“ bezeichnet, finde ich die Leere in den Straßen – nun, wie soll ich sagen – ein wenig befremdlich. Ich drehe einige Runden, dann weiß ich nichts Besseres, als mich schon auf den Weg ins Kulturzentrum GREND zu machen und in der angeschlossenen Tapas-Bar ein Bier für 3,40 € zu trinken. Wenn ich so weiter mache, denke ich, habe ich mein bescheidenes Honorar ausgegeben, bevor ich es bekommen habe.
Am Abend steigt unser Auftritt vor hundert erwartungsvollen Essenern: Wehwalt Koslovsky schießt seine altbekannten Hits ins Publikum. Schon am Tag zuvor war dank seines Auftritts der Veranstaltungsraum im Erich Kästner Museum in Dresden geradezu überfüllt gewesen – was allerdings nicht schwer ist, da er die Größe eines Zahnarztwartezimmers hat. Den Charme übrigens auch. Besonders begeistert sind die Besucher in Essen von den Geschichten und Liedern von Marc-Uwe Kling, der als National Slam Champion inzwischen so viel herumgereicht wurde, dass es ihm schon sichtlich auf die Nerven geht. Am besten gefällt mir Mirco Buchwitz aus Hannover, der sich auf die Bühne stellt und Geschichten erzählt, als würde man sich mit ihm am Tresen unterhalten. Aber natürlich ist auch das alles perfekt choreografiert – sogar den Eröffnungswitz über Chemnitz hat er auf seinem Ablaufplan verzeichnet. Die Zuschauer sind rundum begeistert und kaufen nach der Veranstaltung sogar reichlich Bücher – etwas, dass in Dresden so gut wie nie passiert.
Dann stürzen wir uns ins Essener Nachtleben und fahren mit dem Taxi zu einer schönen Bar namens Banditen wie wir, wo wir Flaschenbier und mitgebrachten Jägermeister trinken. Marc-Uwe Kling erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass er von Stefan Raab zu TV Total eingeladen wurde: Ursprünglich war für jenen Abend nämlich ein Mensch namens „Der Reise-Trottel“ vorgesehen gewesen – ein Mann, der angeblich nach Sydney (Australien) wollte und erst im Flugzeug nach Sydney (Kanada) bemerkte, dass er sich wohl irgendwie vertan hatte. Da der Typ sich aber die Frechheit erlaubt hatte, schon vorher bei Beckmann aufzutreten, lud ihn Stefan Raab wieder aus und brauchte nun dringend einen kurzfristigen Ersatz: Marc-Uwe Kling. Er wurde mit dem Flugzeug aus Berlin nach Köln gebracht, ermutigt, auf die Bühne gestellt und trug – zwischen Panda-Porno und Elton-Auftritt – seinen schönsten Text vor, ohne beim Publikum im Studio irgendwelche Reaktionen auslösen zu können. Immerhin durfte er noch mit Stefan Raab ein Gespräch führen, in dem die beiden durch die Nennung der Namen von Andreas Baader und Wolf Biermann die Zuschauer vollends überforderten. Im Internetforum von TV Total konnte man wenig später das Lob eines Zuschauers lesen, er wünsche sich in Zukunft mehr solcher niveauvoller Gespräche. Kurz darauf antwortete ein anderer Zuschauer, er wünsche sich in Zukunft wieder niveaulosere Gespräche.
Am nächsten Tag hat unser sympathischer Gastgeber Frank Klötgen eine Rundfahrt durch Essen für uns organisiert, um die zwei Sehenswürdigkeiten der Stadt kennen zu lernen. Zuerst fahren wir zur ehemaligen Zeche Zollverein, die jetzt ihr Dasein als weitläufiges Kulturareal fristet. Wo sich früher die Bergleute ihre schlecht bezahlte Staublunge verdienten, kann man nun im Nobelrestaurant brunchen – für 23 € pro Person. Hoffentlich haben die Kinder der entlassenen Bergarbeiter auch alle nutzlose Berufe wie Werbegrafiker, Schriftsteller und Möbeldesigner erlernt – sonst dürfte der „Strukturwandel“ im Ruhrgebiet an ihnen wohl vorbeigehen. Dann fahren wir zur Villa Hügel, dem Palast der Familie Krupp auf einem Berg über der Stadt. Das Familienmuseum im Haus klärt uns über die segensreichen Wirkungen der Rüstungsindustrie für die Bewohner der Stadt Essen auf. In dem Zimmerchen, das der Geschichte des Konzerns zwischen 1933 und 1945 gewidmet ist, erfahren wir, dass die Familie Krupp den Nazis mit Skepsis und Verachtung begegnete und nur widerwillig 100000 Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion beschäftigt hat. Es ist doch schön, wenn sich ein falscher Verdacht so leicht zerstreuen lässt. Ob die Krupps Adolf Hitler auch immer mit Skepsis und Verachtung begegnet sind, wenn sie ihn zur Geburtstagsfeier eingeladen hatten, blieb leider offen. Besonders schön war auch ein Video, das in Zeitlupe die Mimik und Gestik des Führers bei einer Rede zeigte – da könnte sich noch mancher Poetry Slammer was für seine Performance abschauen.
Der zweite Auftritt am Sonntagabend gestaltet sich ein wenig zäh. Obwohl der Saal eigentlich ausverkauft sein sollte, fehlen etwa zwanzig Leute, die offenbar nicht gekommen waren, obwohl sie schon 10 € für ihre Karte bezahlt hatten. Andere Künstler hätten sich vielleicht Gedanken gemacht, ob ihr Auftritt nicht etwas müde oder uninspiriert gewesen sein könnte. Aber da wir ja Poetry Slammer sind, bekräftigen wir uns gegenseitig: „Mann, das Publikum ist aber schlecht drauf heute!“ Zum krönenden Abschluss des Abends schauen wir uns den Poetry Slam im WDR an, der jetzt jede Woche um Mitternacht nach Zimmer frei! läuft. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Die Sendung ist natürlich viel zu kurz und die hektische Kameraführung versucht vergeblich, eine Literaturveranstaltung in ein Rockkonzert zu verwandeln – aber die Poeten auf der Bühne machen das Beste daraus. Ob auch jemand Gefallen daran finden könnte, der bisher noch nie etwas mit Poetry Slam zu tun hatte, scheint mir hingegen fraglich. Die Einschaltquoten immerhin waren gar nicht so schlecht. Anschließend folgt das obligatorische Gespräch über die Nazis im Osten. Essen scheint in dieser Hinsicht sauber zu sein. Jedenfalls meint der Zivi des Kulturzentrums: „Mit Nazis haben wir hier eigentlich keine Probleme. Die sind ja eher bei euch im Osten, oder? Wir haben hier eher Probleme mit Ausländern, Türken und Russen und so.“ Ich beschließe ins Bett zu gehen, um am nächsten Morgen nicht meinen Zug nach Hause zu verpassen, was mir trotzdem fast gelungen wäre. Ach ja, bevor ich es vergesse: Energie Cottbus hat in Dortmund mit 3:2 gewonnen. Da bleibt mir nur, einen großen Münchner Kulturmagnaten zu zitieren: Das war ganz, ganz wichtig für die vielen Arbeitslosen da drüben.

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