Kurz und schmerzlos …

… verlief mein Gastspiel beim 10. German International Poetry Slam in Berlin. Nachdem ich gleich in der ersten Vorrunde meinen Auftritt hatte, bescherte mir mein Losglück auch noch den ungeliebten ersten Startplatz. Immerhin hatte ich also quasi die Ehre, den Wettbewerb in Berlin zu eröffnen. Obwohl mir nachher viele trostvolle Komplimente gemacht wurden, für die ich mich herzlich bedanke, war doch klar, dass ich keine Chance hatte. Um bei einer Jurywertung vom Startplatz 1 aus erfolgreich zu sein, braucht es schon einen Ausnahmekünstler, weil die Benotung der Zuschauer sich unweigerlich zum Ende des Wettbewerbs hin steigert. Leider erwischten auch Geheimfavoriten wie Sulaiman und Marc-Oliver Schuster sehr frühe Startplätze und scheiterten. Eigentlich wollte ich mir im Anschluss noch den „Clash of the Classics“ anschauen, aber nach einem überreichlichen Essen im Restaurant mit dem schönen Namen Kreuzburger konnte ich mich nicht mehr aufraffen. Glaubt man dem Bericht von Ko Bylanzky, so habe ich wenigstens nichts verpasst. Da ich aus beruflichen Gründen inzwischen schon die Heimreise antreten musste, bleibt uns nichts, als Julius Fischer die Daumen zu drücken, auf dass er die Ehre unserer Lesebühne besser verteidigen möge.

Am nächsten Morgen, auf dem Weg zum Bahnhof, hatte ich noch eine interessante Begegnung. Es ist ja bekannt, dass man bei jeder Fahrt mit der Berliner S-Bahn angeschnorrt wird. Diesmal aber geschah doch etwas eher Außergewöhnliches. Eine ältere Frau in wirklich erbärmlichem Zustand bettelte um Kleingeld, indem sie sich in die Mitte des Waggons stellte und laut selbst verfasste Gedichte deklamierte – Kinderverse, in denen sie sich selbst und uns allen Mut und Hoffnung und Fröhlichkeit zuzusprechen versuchte. Als sie danach den Wagen durchquerte, einen unangenehmen Geruch aus Schweiß und Alkohol hinter sich herziehend, begegneten ihr aber nur peinliches Schweigen und Ignoranz. „Wenigstens ein Lächeln könnten sie mir doch schenken!“, forderte sie die Leute auf, die starr aus dem Fenster glotzten. Einige schenkten ihr wenigstens ein paar Münzen. Ich schenkte ihr nichts, denn sie ging mir auf die Nerven. Der liebe Gott schreibt doch immer noch die besten Gleichnisse.

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