Lesetipp: „Ich und Kaminski“

Wie Julius in seiner nur allzu berechtigten Lobeshymne auf Jochen Schmidt zu Recht anmerkte, ist Humor in der deutschen Gegenwartsliteratur leider nicht allzu verbreitet. Desto erfreuter war ich nun, als ich entdeckte, dass einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart einen ganz ausgesprochen eleganten Witz pflegt. Ich las nämlich Daniel Kehlmanns Roman „Ich und Kaminski“ (2003) – Dank an Clara für die Empfehlung!

Das Buch besticht vor allem durch den mit Abstand unsympathischsten Ich-Erzähler in der deutschen Literatur seit Mein Kampf. Christian Krachts arroganter Snob aus Faserland ist dagegen ein Wonneproppen. Sebastian Zöllner, so heißt der Anti-Held, ist ein ahnungsloser Kunstrezensent, ein feiger Opportunist, ein eingebildeter Frauenheld, ein schmieriger Intrigant, ein chronischer Nörgler, kurz gesagt ein wirkliches Arschloch. Und ausgerechnet dieser Kerl will eine Biografie über den vormals berühmten Maler Kaminski schreiben, der sich längst – angeblich erblindet – in die Einsamkeit des Gebirges zurückgezogen hat. Als die beiden mit dem Auto zu Kaminskis Jugendliebe aufbrechen, glaubt Zöllner, am Ziel seiner Wünsche zu sein und den Alten in der Hand zu haben, um ihn auszuforschen – in Wirklichkeit ist es Kaminski, der die Puppen tanzen lässt.

Dieses Buch ist eine satirische Abrechnung mit der Kunstszene, ein Krimi, eine philosophische Allegorie, ein Road-Movie, ein Schelmenroman und vor allem eins: sehr lesenswert.

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2 Kommentare

  1. Ach, Micha,
    dass das mit dem Faserland mal jemand sagt!
    Danke!!
    und ich dachte schon, das sei mir eigentlich

    Schnurz