Lesetipp: Tippgemeinschaft

Eher zufällig in die Hände fiel mir letztens die Anthologie des Leipziger Literaturinstituts Tippgemeinschaft 2008, nämlich als Geschenk nach einer Lesung im Leipziger Hugendubel. Zunächst war ich enttäuscht, hatte ich doch angesichts voller Regale eher auf ein Präsent à la Die Bibel des Orgasmus gehofft. Das ist also das Buch, das über die Verlagstische der Republik wandert, damit eifrige Lektoren sich die frischesten Geheimtipps aus dem Leipziger Zuchtteich angeln können? Pah!

Doch nach der lohnenden Lektüre muss ich jetzt mein Vorurteil revidieren. Es gibt natürlich auch einige Geschichten nach dem Muster „Ich sitze in der Straßenbahn und weiß nicht, was ich schreiben soll“ – die mir um so mehr auf die Nerven gingen, weil ich auch selber weiß, wie man dazu kommt, solch ein Zeug zu fabrizieren. Aber auch eine ganze Reihe hervorrragend erzählter und interessanter Geschichten sind drin, die für die weniger zahlreichen Ausfälle entschädigen.

Hier meine persönlichen Anspieltipps: Da wäre die charmant-absurd-alltägliche Geschichte namens Kassette von Carl-Christian Elze, von dem ich zuvor in Anthologien auch schon einige schöne Gedichte in der Tradition der Ästhetik des Hässlichen gelesen hatte. Charlotte Roos erzählt in einer Geschichte mit dem Titel Müll sehr sinnlich von einer Familienzusammenführung im nahen Orient. In der Geschichte Schule Aus von Diana Feuerbach wird (ein bisschen sentimental, aber doch stimmig) in die Schule der Kindheit zurückgekehrt, die es bald nicht mehr geben wird. Hoffentlich der Auszug aus einem zukünftigen Roman ist die Story Vernarbt von Sarah Alina Grosz, in der die Autorin ziemlich beeindruckend lakonisch und witzig von einer jugendlichen Aussteigerin berichtet. Vielleicht mein persönlicher Favorit. Dunkel und unangenehm erzählt schließlich Anjo Schwarz in Nerventropfen von einem Mann, der von den Bedürfnissen seiner bettlägerigen Mutter überfordert, sich lieber in sexuellen Fantasien über die Eroberung der Altenpflegerin ergeht.

Richtig auf die Nerven gingen mir eigentlich nur einige der poetologischen Aufsätze, die als Anhang die Anthologie abschlossen. Immerhin für seinen Mut gelobt werden muss Christian Kreis, der nicht davor zurückscheute, Gedichte aus seinem Hobbykeller zu veröffentlichen, darunter ein Meisterwerk wie Danke, du Schlampe. Ein Auszug: „Komm, laß deine Titten benetzen, / deine Kleider zerfetzen. / Ich glaube, er steht / für dich allein. / Und ist ihm abgegolten worden, / dann sage ich ehrlich / danke, du Schlampe.“ Hier scheint ein neues Genre, die Atzen-Lyrik, geboren worden zu sein. Verse, die an den frühen MC Frauenarzt gemahnen, nur mit weniger Poesie. Aber da der Autor auch selbstironisch auf sein eigenes Werk blicken kann, wird man ihm nicht böse werden.

Anders sieht das bei dem Essay Über die Herstellung haltbarer Blutwurst von Simon Urban aus, den ich aus vollem Herzen scheiße fand. Das literarische Erweckungserlebnis von Herrn Urban war die Begegnung mit dem Werk von Martin Walser, genauer gesagt: die Walser-Bubis-Debatte im Anschluss an Walsers Paulskirchenrede („Moralkeule“ Auschwitz). Darin hatte der Autor vor einer Instrumentalisierung der deutschen Schande gewarnt und über die allgegenwärtige Präsenz ihrer Darstellung geklagt. Simon Urban fand es damals sehr schrecklich, dass Walser von den „Linken“ als Antisemit bezeichnet wurde und auch heute noch wird. Dass es für diesen Verdacht noch einige andere Belege gibt (laut Günter Amendt nannte Walser Bob Dylan mal einen „herumzigeunernden Israeliten“), ignoriert der fleißige Jünger geflissentlich. Nein, er setzte sich damals gar in Duisburg bei einer Diskussion für seinen Übervater ein, riskierte viel und wurde dabei von einem „Kräftigen“ sogar mal ganz böse angeschaut: „warum der mich nicht in die Mangel genommen hat, ist bis heute unklar.“ Mir scheint das ziemlich klar: Er hatte Mitleid. Stolz erzählt Urban, wie sein Einsatz für Walser ihm sogar eine Erwähnung in der „Welt am Sonntag“ einbrachte. Das intellektuelle Resultat seines Engagements: Simon Urban wurde mit einem Schlag klar, dass „links und rechts gar nicht die beiden maximal voneinander entfernten Pole einer Skala sind“. Wahnsinn! Aber noch mehr: Die, die sich „Linke“ nennen, sind nämlich in Wahrheit Nazis, zumindest aber genauso schlimm. Ein „Gedicht“ entfaltet diese These mit beeindruckender dialektischer Schärfe: „Eine Methode, die man einst in Deutschland kannte, / war, dass man seinen Feind als Judenfreund benannte / […] Und wenn man’s heut mit seinem Gegner übel meint, / dann nennt man ihn halt einfach einen Judenfeind.“ Ganz genau: Früher denunzierte man die Juden, heute die Antisemiten. Gar kein Unterschied! (Urban bezeichnet sich übrigens als „Schmalspurlyriker“, eine lobenswerte Bescheidenheit. Er sollte aber noch weiter gehen und sagen, dass er gar keiner ist.) So wird denn der „Massenmord“ an den Juden zum „Totschlagargument“. Wirklich, man muss sich dieses geniale Wortspiel mal in seiner ganzen Trefflichkeit durch den Kopf gehen lassen. Was war der Holocaust, was war der zweite Weltkrieg? Den Worten Urbans nach ein „Trauma“, ja eine „Tragödie“. Da ist das Schicksal wirklich allzu bitter über die Deutschen hereingebrochen. Wer litt mehr unter dem Holocaust als die Deutschen? Selbst der Simon Urban ist immer noch traumatisiert, dabei liegen doch zwischen seiner Geburt und Hitlers Tod „11.048 Tage“ als „Sicherheitsabstand“ – das müsste doch nun wirklich reichen! Und wer war an allem Schuld? Na klar, „der Hitler“! Aber nicht nur der, sondern auch seine „Nazi-Mischpoke“! Sprachliches Feingefühl („Mischpoke“ = hebräisch-jüdisch für „Familie“), wie man es von einem literarischen Genius vom Schlage Urbans erwarten kann: Hitler und seine jüdischen Verwandten sind es, die den armen Deutschen mit ihrer blöden Schande einfach keine Ruhe lassen. Manchmal verrrät doch die Sprache mehr, als der Autor wollte.

Die Tippgemeinschaft 2009 schon gelesen hat Jens Kassner – ich werd’s nachholen.

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2 Kommentare

  1. Lieber Michael Bittner,
    da möchte ich doch gleich die Gelegenheit nutzen, Sie auch auf meine Gedichtbände „Nichtverrottbare Abfälle“(Mitteldeutscher Verlag) und „In den Augen der Magersüchtigen“ (Verlag im Proberaum 3) aufmerksam zu machen. Mit besten Grüßen aus Halle
    Christian Kreis

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