Lustige Deutsche (1): Der gestiefelte Kater

In dieser neuen Reihe, deren Startschuss hiermit erschallen soll, werde ich nach Ausnahmen von der Regel suchen. Die deutsche Literatur gilt nämlich gemeinhin als nicht eben reich an guten komischen Autoren, Büchern und Stücken – zu Recht. Der Virus des teutschen Tiefsinns hat sich allzu sehr im Volkskörper breit gemacht, die Symptome lassen sich auch heute noch allerorten wahrnehmen. Die Reihe „Lustige Deutsche“ soll Medizin an Hand von Beispielen bieten, die allzu oft in Vergessenheit zu geraten drohen. Es gilt aber: Nur selber lesen macht lustig.

ludwig_tieck.jpgWir beginnen mit der Komödie Der gestiefelte Kater (1797) von Ludwig Tieck. Entgegen anders lautender Meldungen ist Ludwig Tieck der produktivste, vielseitigste und wichtigste Schriftsteller der deutschen Romantik. Und entgegen gängiger Vorurteile ist die deutsche Romantik (zumindest in ihrer frühen Phase) intelligent, modern und – witzig. Dies ist besonders ein Verdienst von Tieck, der über einen sehr schönen Sinn für Humor, aber auch über satirischen Witz verfügte, was sich nirgendwo so kurzweilig zeigt wie in Der gestiefelte Kater, der besten seiner vielen Komödien. >>>

Romantische Komödie? Keine Angst, es geht nicht um tollpatschige Pärchen, die zueinander finden müssen. Eigentlich geht es um gar nichts. Das kurze Stück ist nichts als ein luftiger Scherz, allerdings in einer höchst innovativen Form. Mit Der gestiefelte Kater entdeckt Tieck nämlich das „Theater im Theater“ für die moderne Bühne – Bertolt Brecht wird in seiner Maßnahme das Gleiche unternehmen, allerdings ganz ohne (freiwilligen) Humor. Das Märchen „Der gestiefelte Kater“ (von Perrault, nicht den Grimms) soll auf die Bühne gebracht werden: Das Publikum sitzt (auf der Bühne) gespannt vor der Bühne, kommentiert die in immer größeren Pannen versinkende Aufführung des Stücks (im Stück) und protestiert gegen unanständige Scherze und politische Anspielungen. Schließlich muss der Dichter auf der Bühne erscheinen, um die Zuschauer zu beruhigen: Er lässt eine Arie aus der Zauberflöte singen und jonglierende Elefanten auf die Bühne treiben. Das ganze Stück ist nicht nur eine Satire auf das spießige Bürgertum des Aufklärungszeitalters, sondern spielt auf geniale Weise mit dem Theater als Institution überhaupt. Also: Dringender Lesetipp!

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater. Ein Kindermärchen in drei Akten. Ditzingen: Reclam, 2001. 87 Seiten, 2,60€.

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