Beim Poetry Slam in Leipzig

Gestern besuchte ich nach einer – mir jetzt selbst nicht mehr nachvollziehbaren – mehr als einjährigen Pause mal wieder den livelyriX Poetry Slam in Leipzig. Den gibt’s bekanntlich schon länger als unsere Dresdner Schwesterveranstaltung und in der Frühphase unseres Poetry Slams im Studentenclub Bärenzwinger (die Älteren werden sich erinnern) leisteten oft Leipziger Poeten bei uns Entwicklungshilfe. Ich war neugierig, wie sich die Veranstaltung wohl in der Zwischenzeit entwickelt haben würde – und kann nur sagen: zum allerbesten.

Immer eine Reise wert ist eigentlich schon der Regionalexpress „SAXONIA“ zwischen Dresden und Leipzig. Ich teilte mir ein Sachsen-Ticket mit einem jungen Franzosen, der ein freiwilliges soziales Jahr in Weimar absolviert. Ich kramte mein schlechtes Französisch hervor, um ihm mitzuteilen, dass ich schon mal Paris besucht hatte. Er sagte mir in gutem Deutsch, er sei noch nie in Paris gewesen. In der Etage unter uns stimmte während der Fahrt derweil eine uniformierte und alkoholisierte Fußballmannschaft einen (ja, nur einen) Gesang an: Zur Melodie von Yellow Submarine, „Wir ham alle Stadionverbot, Stadionverbot, Stadionverbot …“ Glückwunsch und Beileid an alle, die musikalisch genug sind, um jetzt im Kopf mitzusingen.

Beim Veranstaltungsort Ilses Erika angekommen, setzte ich mich zunächst mit einem Bier und einer Currywurst in den angeschlossenen Biergarten, wo mein Freund und Kollege Julius Fischer seit neuestem als Barkraft seinen Charme in Trinkgeld umsetzt. Es war sein zweiter Arbeitstag und er machte seine Sache schon sehr professionell. Nach Spätshopverkäufer Stefan nun also der zweite Royalist, der sein Geld mit dem Verkauf von Alkohol verdient. Der Poetry Slam selbst war dank eines durchaus kritischen, aber gleichzeitig sehr begeisterungsfähigen Publikums eine wunderbare Sache. Sehr positiv fiel mir auch die Moderation von „Matze“ Spengler auf, der souverän und mit trockenem Humor durch den Abend führte. Bei einem Poeten blitzte auch mal wieder die Unberechenbarkeit auf, die den Poetry Slam so eigenwillig macht: Ein Hobbypoet aus Leipzig-Grünau begnügte sich nicht mit dem Vortrag von humoristisch gemeinter Lyrik, sondern begann auf Zuruf damit, sich auszuziehen. Nach seinem Auftritt verbarrikadierte er sich dann eine Weile im Backstage-Raum und brüllte wüste Verwünschungen. Ich lasse seinen Namen mal weg, denn ich habe Angst, dass er meine Adresse herausfindet und mir den Kopf abschneidet. Kein Scheiß. Gewonnen hat übrigens (vor meiner Wenigkeit und Nadja Schlüter) eine junge Debütantin mit sehr lyrischen und ernsthaften Texten, ich glaube sie hieß Maren, die sich leider mit ihrem Siegersekt sofort aus dem Staub machte. Julius und ich ließen den Abend … wie soll man sagen … ausklingen bei einer Flasche Bourbon.

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2 Kommentare

  1. Hallo Micha,
    ich fand den Slam gestern in Ilses Erika auch sehr schön. Selbst teilzunehmen hatte ich gar nicht vor. War nach einem Lagerfeueraufenthalt in der Walpurgisnacht bis früh um vier heftig erkältet und stimmlich immer noch nicht gerade gut drauf. Aber Sebastian hatte eine Mail geschickt, dass es knapp wäre mit Teilnehmern … Gut dass es dann so nicht wirklich war. Hätte ich also einfach zusehen und genießen können Aber Freibier schmeckt ja auch ganz gut.Bemerkenswert am Slam fand ich zwei Sachen: 1. Dass Julius einen ziemlich ernsten Text liest (dass er damit nicht weiterkam, war fast zu erwarten und trotzdem schade). 2. Dass eine ganz Neue nicht nur in die Endrunde kommt (hab ich ja auch schon geschafft), sondern dann auch noch gewinnt mit einem Text, der gar nicht so typisch ist für Slam-Literatur, sondern ganz poetisch. Zweifellos hatte die junge Frau, wie sich aus der Verteilung des entscheidenden Beifalls schließen ließ, einige persönliche Freunde mobilisiert. Aber das ist ja völlig legitim. Und der Verlauf des Slams ist sicherlich ein gutes Argument gegen die Leute, die immer mit dem Standardargument kommen, das sei ja alles nur getarnte Comedy.
    Bis bald
    Jens

  2. Jens, ich kann dir nur zustimmen. Das Leipziger Publikum hatte aber auch schon immer eine ganz eigene Art: Ich glaube, das Ilses Erika hat einfach eine Größe, bei der sich bei jeder Veranstaltung schon durch eine Hand voll neuer Besucher eine ganz neue Atmosphäre ergibt. Dass auch Texte mit poetischem Anspruch beim Poetry Slam gewinnen können, ist sehr erfreulich, aber – wie ich aus langjähriger Erfahrung sagen kann – auch längst nicht so ungewöhnlich wie Verächter des Formates so gerne einwerfen.

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