Lesetipp: Tom Schulz

Liebe Literaturfreunde,

es ist erstaunlich: Seit ich mich mit meinem Kollegen Udo Tiffert in unserem Programm „StadtLandFluss“ mit der Lausitz beschäftige, springt mir immer öfter in die Augen, dass viele bekannte Autoren aus eben jener Region kommen. Sollte die Lausitz etwa ein bisher weithin unterschätztes Reservoir von dichterischem Nachwuchs sein?

So findet sich auch in der Kurzbiografie von Tom Schulz die ein wenig verschämt wirkende Auskunft, der Autor sei „1970 in der Oberlausitz geboren“. Wo wohl genau? Ich hatte ihn bei der Leseinsel der jungen Verlage auf der Leipziger Buchmesse lesen gehört und war schon neugierig geworden. Nun habe ich auch endlich mal die Zeit gefunden, seinen jüngsten Lyrikband Vergeuden, den Tag zu lesen, der 2006 im renommierten Independent-Verlag kookbooks erschienen ist.

Die Lyrik von Tom Schulz lässt sich vielleicht am besten als Impressionismus beschreiben. In freien Rhythmen reihen sich drei- bis vierzeilige Versgruppen, in denen sich bunt stark subjektiv gefärbten Eindrücke aus dem Alltag, der Medienwelt und der Literatur mischen, einander ergänzen und widersprechen. Um nicht in einen platten Realismus zu verfallen, setzt der Dichter alles daran, die Eindrücke in möglichst origineller Weise zu verfremden: Das Alltägliche wird zum Grotesken, Wirklichkeitssplitter aus den verschiedensten Bereichen verschmelzen, einfache Slogans gewinnen als Wortspiele ungeahnte Vieldeutigkeit. Heraus kommen Gedichte, bei denen man die Metaphern nicht mehr aus einer vermeintlich „normalen“ Sprache herauspräparieren und deuten kann – jedes Gedicht ist ein unauflösbarer metaphorischer Komplex, der manchmal eine ganz neue Sicht auf die Welt öffnet, manchmal aber auch hermetisch bleibt. Was hier so kompliziert klingt, ist beim Lesen im Gegenteil meist lustvoll und amüsant, vor allem wegen der herrlichen Beobachtungsgabe des Autors für die Poesie und den Witz des Alltags: „im Jobcenter ein Mob/aus Akademikern und Eisenbiegern“.

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