Lustige Deutsche (4): Werner Finck

Ich war noch nie in Castrop-Rauxel, Bremerhaven oder Neubrandenburg, aber wage dennoch zu behaupten: Görlitz ist eine der schönsten Städte Deutschlands. Als ich letztens wieder einmal durch die Altstadt spazierte, fiel mir aber vor allem auf, wie wenige der Fenster hinter den sanierten Fassaden erleuchtet waren. Ein Viertel seiner Einwohner hat Görlitz seit der Wende verloren. Wer hier sein Abitur macht, ist ein paar Monate später meist schon auf und davon. Bewundernswert ist es da, wie seit der gescheiterten Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas immer neue Projekte auf die Beine gestellt werden. Nur die alteingesessenen Bewohner scheinen sich mit der neuen Kultur noch nicht so richtig anfreunden zu können.

Ob es vielleicht auch daran liegt, dass die Stadt ihre Wurzeln so zwanghaft in einer möglichst weit entfernten Vergangenheit sucht? Manchmal scheint es, als sei seit Jacob Böhme nichts Bewegendes mehr in Görlitz vorgefallen. Wer weiß schon, dass Werner Finck, einer der bedeutendsten deutschen Kabarettisten des 20. Jahrhunderts, in Görlitz aufgewachsen ist? Dass er in seiner Autobiografie Alter Narr, was nun? ein ganzes Kapitel seiner Jugend in Görlitz widmete? Unter den historischen „Persönlichkeiten“ auf der Homepage der Stadt sucht man ihn neben illustren Namen wie Bartholomäus Scultetus und Ludwig Feyerabend jedenfalls noch vergebens. Dabei galt der Conférencier des legendären Berliner Kabaretts Katakombe auch nach dem Krieg – zumindest in der BRD – als Leitfigur des politischen Kabaretts. In Görlitz urteilte man freilich schon immer etwas zurückhaltender: „Ein rotznasiges, freches Lauseaas, das nun Gymnasiast sein will, aber nichts als Anlagen zertrampeln kann und nachher noch ausreißt“, so Parkwächter Kretschmer im Jahr 1911.

Der 1978 verstorbene Werner Finck war der unerreichte Meister des Wortspiels. Ein Wortspiel, das wohlgemerkt so weit wie nur irgend möglich entfernt vom Kalauer war. Was ist ein Kalauer? Zitieren wir als Experten Didi Hallervorden: „Woher wissen wir, dass der Mensch wirklich aus Lehm erschaffen wurde? Na, wir lehm ja alle noch!“ Was ist ein Wortspiel? Zitieren wir Werner Finck, der einmal Antwort auf die Frage gab, was der Hitlergruß eigentlich zu bedeuten habe: „Aufgehobene Rechte.“

Der unverbesserlich humanistische Individualist Finck wurde erst in der Endphase der Weimarer Republik zum politischen Kopf – und bald darauf zum Intimfeind von Joseph Goebbels, der ihn ins Konzentrationslager Esterwegen schickte. Finck ließ keine Gelegenheit aus, seinen Schicksalsgenossen das Leben durch Humor erträglicher zu machen: „Ihr werdet euch bestimmt wundern, wieso wir so munter und fröhlich sind. Nun, Kameraden, das hat seine Gründe: In Berlin waren wir es schon lange nicht mehr. Im Gegenteil. Immer, wenn wir da aufgetreten sind, hatten wir ein unangenehmes Gefühl im Rücken. Das war die Furcht, ins KZ zu kommen. Und seht ihr, jetzt brauchen wir keine Angst mehr zu haben: Wir sind ja drin!“

Werner Finck hätte es verdient, neu von seiner Geburtsstadt entdeckt zu werden. Aber die hat ja jetzt Michael Ballack. Das reicht bestimmt für die nächsten 500 Jahre.

Das Beste von Werner Finck. Ein humoristisches Glossar zur Zeitgeschichte. Mit Beiträgen von Sebastian Haffner und Dieter Hildebrandt. Zusammengestellt von Bartel F. Sinhuber. München: Herbig Verlag, 1988/2002 (zur Zeit nur antiquarisch)

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